Was hat Chemnitz mit dem Danni zu tun?

P4F Chemnitz • 22 November 2020
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Was hat Chemnitz mit dem Danni zu tun?

Wir haben nach der Einleitung den Bericht eines Chemnitzer For Future Aktivisten "Was muss eigentlich noch passieren?" aus dem Dannenröder Forst abgedruckt . Er befindet sich zusätzlich als Anhang  im PDF Format an diesem Blogartikel. Darin sind auch alle Quellenangaben enthalten.

Chemnitz, 22.11.2020

Einleitung: Der liebevoll "Danni" genannte Dannenröder Forst in Hessen soll für den Bau der Autobahn A49 durchschnitten werden, um Kassel und Gießen zu verbinden. Nach deren Fertigstellung werden insgesamt 123 Hektar der Natur entrissene  Fläche versiegelt  sein.

Autobahnkarte mit Danni

Dagegen regt sich seit Oktober 2019 aktiver Widerstand durch Menschen der  Klimagerechtigkeitsinitiative #dannibleibt, die seitdem Baumhäuser im Wald errichteten und bewohnen mit dem Ziel, den Bau der A49 zu verhindern und das Ökosystem unangetastet zu lassen.

Am 10.11.2020 begann die Räumung durch die Polizei, alle Ereignisse sind bei #waldstattasphalt gut dokumentiert.

Insbesondere macht die Polizeigewalt sprachlos, etwa wenn die Beamten  extra gekennzeichnete Sicherungsseile durchtrennten und Aktivist:innen metertief stürzten.

Chemnitz ist zwar 275 km Luftline vom Danni entfernt - aber hier in Sachsen muss ebenso eine Verkehrswende stattfinden wie in Hessen - auch mit dem Ziel, den Flächenneuverbrauch für den Verkehr zu stoppen und nicht mehr benötigte Verkehrsflächen der Natur zurückzugeben. Allein während der letzten 60 Jahre hat sich die Verkehrs- und Siedlungsfläche in Deutschland verdoppelt - 2014 wurden pro Tag 29 Hektar Verkehrsfläche neu geschaffen.  

Ein Chemnitzer Aktivist der For Future Bewegung war im Danni und berichtet umfassend und differenziert, worum es geht: Unter anderem um die Funktion des Dannenröder Forsts für die Trinkwasserversorgung Großraumes Frankfurt / Main, die massive Polizeigewalt gegen die Aktivist:innen vor Ort, die vor dem Hintergrund des Klimawandels das Bauvorhaben A49 nicht für sinnvoll halten.

Der Bericht ist auch eine Erzählung über das schwindende Vertrauen einer engagierten jungen Generation in den Staat BRD, das zutiefst nachdenklich machen sollte.


Was muss eigentlich noch passieren?

Bericht eines Chemnitzer For Future Aktivisten aus dem Danni

17.11.2020

Der Dannenröder Forst. Ein gesunder, etwa 300 Jahre alter, nachhaltig bewirtschafteter Mischwald in Mittelhessen, der sich über ca. 1000 Hektar erstreckt. Er beherbergt ein Wasserschutzgebiet, das 500.000 Menschen in der Umgebung und der nahegelegenen Metropolregion Frankfurt am Main mit sauberem Trinkwasser versorgt [1].

Sein dichtes Blätterdach und natürliche Verjüngung machen diesen Wald zu einem Vorzeigebild nachhaltiger Forstwirtschaft. Die voranschreitenden klimatischen Veränderungen rücken auch die deutschen Wälder in den Fokus: die Sorge, dass dieser dem Wandel nicht standhalten können wird, wächst. Jedoch sollen Laubmischwälder, wie der Dannenröder Forst, der klimatischen Herausforderung der Zukunft von den in Deutschland vorhandenen Waldarten am besten gewachsen sein.

Auch die Sorge um die Wasserversorgung wächst. Nach den vergangenen Dürresommern kam mehr-fach die Forderung nach politischen Vorgaben zur Nutzung der knappen Ressource Wasser auf, um die sowieso schon knappen Grundwasservorräte nicht noch weiter zu strapazieren und nicht irgendwann ohne brauchbares Trinkwasser dazustehen [2].

Kurzum, der Dannenröder Forst als Laubmischwald mit großem Wasserschutzgebiet ist ein Wald, bei dem viele Aspekte dafürsprechen, dass der Wald als solcher zu schützen sei.

Im Sommer 2019 hat die CDU einen „Masterplan für Deutschlands Wälder“ ins Leben gerufen, um diese klimaschützenden, wasserfilternden und jobschaffenden Ökosysteme zu erhalten und vor weiteren Schäden zu bewahren [3]. Immer wieder haben seitdem CDU-Ortsgruppen Aktionen unter dem Motto „Zukunftswerkstatt Wald“ gestartet, die letzte war eine Aktion des CDU-Gemeindeverbandes Wissen am 09.11.2020 [4].

Wo liegt nun das Problem?

Der Dannenröder Forst soll dem Neubau der A49 weichen.

Ein vor 40 Jahren beschlossenes Stück Autobahn, das Gießen und Kassel miteinander verbinden, die A7 entlasten und den Bewohnern der umliegenden Landkreise lästigen Durchgangsverkehr ersparen soll.

Genauer gesagt sollen für den Autobahnneubau 85 Hektar Wald gerodet werden, etwa 25 Hektar davon im Dannenröder Wald [5]. Das passt in den Augen vieler Umweltschützer*innen und -verbände nicht mit den erklärten Zielen für die Waldpolitik der CDU zusammen. Mit der Politik der Grünen schon gar nicht. Diese beiden Parteien bilden die hessische Landesregierung. Auch mit den Vorgaben der europäischen Wasserrahmenrichtlinie passen die Pläne zum Bau der Autobahn nicht zusammen, so urteilte das Leipziger Bundesverwaltungsgericht, jedoch sei der Bau der Autobahn nicht rechtswidrig, da die Planung vor Inkrafttreten der Richtlinie liegt [6].

Da der Ausbau auf dem Rechtsweg nicht zu stoppen und die Hoffnung in die hessische Landesregierung langsam gestorben ist, besetzen Aktivisti seit rund einem Jahr den liebevoll „Danni“ genannten Wald, um die Rodungsarbeiten zu verhindern und den Wald sowie das Grundwasser zu schützen [7][8].

Dabei leben die Aktivisti in über die Autobahntrasse verteilten Baumhausdörfern oder zelten an der Mahnwache im Ort Dannenrod auf dem Sportplatz.

Im Wald ist dabei so etwas wie ein Parallelgesellschaft entstanden. Eine Gesellschaft, die auf dem Miteinander beruht, in der jede Person willkommen ist und mit ihren Fähigkeiten dabei sein kann, in der jede*r auf jede*n Rücksicht nimmt und niemand Geld braucht. Für viele der
Aktivisti war es lange Zeit ein Ort, um aus dem oft kritisierten Alltag auszubrechen und in einer alternativen Utopie zu leben.


Seit dem 09.11.2020 wird diese Utopie jedoch gestört. Denn seit Montag letzter Woche wird im Danni geräumt und gerodet. Was genau bedeutet das?

Seit letztem Montag läuft ein Polizeigroßeinsatz im Dannenröder Forst. Tausende Bundespolizisti aus allen Bundesländern holen die Aktivisti aus den Bäumen auf den zu rodenden Flächen und versuchen sie daran zu hindern wieder auf die Bäume zu gelangen.Außerdem räumt die Polizei im Wald aufgetürmte Barrikaden und Blockaden, die das Vorankommen der Rodungsmaschinen erschweren. Sie sichern also den Gefahrenbereich um die zu fällenden Bäume. So die Erzählung der Polizei.

Die Aktivisti bezeichnen den letzten Montag als Tag X, der lange erwartet wurde. Aufrufe in den Danni zu reisen und bei den Besetzungen zu unterstützen kursieren in den sozialen Netzwerken. Tagsüber geräumte Barrikade werden nachts wieder aufgetürmt. Jeden Tag klettern neue Menschen in die Baumhäuser und mit Schaukeln in die zu rodenden Bäume und weigern sich diese zu verlassen. Die Polizei muss sie dann räumen.

Da die Aktivisti bewusst höher als 2,5m klettern, müssen dafür Spezialeinheiten mit Hebebühnen anrücken. An eine schnelle Rodung ist so nicht zu denken, wenn keine Menschenleben gefährdet werden sollen. So die Erzählung der Aktivisti.

Von beiden Seiten kommt es immer wieder zu Kritik an der jeweils anderen Seite. So kritisieren Sprecher*innen der Polizei den Einsatz von Steinen und Feuerwerkskörpern als Wurfgeschosse auf Beamte und generalisieren das Begehen von Straftaten auf alle anwesenden Aktivisti [9]. Die Aktivisti werfen der Polizei Willkür und Unverhältnismäßigkeit vor [10]. Im Netz gibt es unzählige Livestreams, Videos und Berichte von aggressiven Streiter*innen auf beiden Seiten.

Sicherlich gibt es gerechtfertigte Kritik an beiden Seiten und eine Deeskalation ist im Wald nicht zu beobachten.

Dennoch hat die überregionale Presse bis jetzt kaum über die Situation berichtet.

Dies hat sich am Sonntag geändert, nachdem sich ein Mensch bei einem Sturz aus ca. 4 m Höhe verletzte. Der Sturz wurde ausgelöst, indem ein Seil durchgeschnitten wurde, das der Sicherung der Aktivistin im Tripod diente. Die Polizei twitterte kurz darauf, nichts mit dem Durschneiden des Seiles zu tun zu haben [11], wohingegen viele Augenzeug*innen von Seite der Aktivisti berichteten, wie Polizisti das markierte Seil gekappt hätten. Am Montag hat die Polizei in einer Pressemeldung zugegeben, dass ein Polizist das Seil gekappt hat. Sie dementiert aber, dass es als lebenswichtig gekennzeichnet gewesen sei [12]. Wer in letzter Zeit im Dannenröder Forst war und gesehen hat, wie penibel jedes einzelne Seil markiert ist, mag dies bezweifeln.

Am Montag erfolgte ein weiterer Unfall: ein*e Aktivist*in stürzte 5 m in die Tiefe, weil vor dem Fällen eines Baumes unzureichend gesichert wurde, dass der Gefahrenbereich frei von Personen, oder Personen sichernden Seilen frei ist. Der immer wieder aufgesagte Leitspruch der Polizei „Sicherheit vor Geschwindigkeit“ sorgt spätestens seit dem nur noch für Kopfschütteln [13]. Auch Polizeiliche Maßnahmen bei denen Polizisti Aktivisti hunderte von Metern durch den Wald jagen und immer wieder nach diesen treten und mit Schlagstöcken nach ihnen schlagen, Polizeimannschaften, die durch den Wald ziehen und Zelte, Fahrräder und andere Bodenstrukturen fernab des zu sichernden Bereiches zerschlagen und zerschneiden, sowie Bilder von Polizisti mit Granatenwerfern im Wald sorgen auf Seiten der Umweltschützer für wenig Vertrauen in die Staatsgewalt [14].


Bei der aktuellen Lage frage ich mich, was alles noch passieren muss. Warum schaut unsere Presse nicht auf eine solch beispielhafte Situation in unserem Land.

Hier steht Verbohrtheit gegen Fortschritt.

Die einen äußern berechtigte Kritik an der Manifestierung eines Auslaufmodells von Verkehr, wo andere an alten, man möchte meinen veralteten Plänen festhalten, weil die schon seit 40 Jahren in Stein gemeißelt sind.

Und wenn diese Pläne nach aktuellem Rechtsstand nicht mehr möglich wären, aber, weil sie alt sind, trotzdem legal bleiben, wäre das vielleicht der Punkt, an dem wir anfangen sollten, zu hinterfragen, ob Zeiten sich nicht ändern können und dürfen? Und ob wir unsere eigenen Meinungen und Positionen nicht auch manchmal anpassen müssen.

Zweierlei bleibt sicher: Eine Umweltpolitik, die die Namensgeberin schützt und den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist, kann zurzeit keine im Bundestag oder in den Landtagen vertretene Partei aufweisen. Und nur weil etwas rechtens ist, heißt es nicht, dass dies auch richtig ist.

 

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