Rundbrief an die Mitglieder des Stadtrats Nettetal zur Einführung einer Baumschutzsatzung

P4F Kreis Viersen • 27 November 2021
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Die Parents for Future Kreis Viersen unterstützen den Antrag auf eine Baumschutzsatzung für die klimafreundliche Stadt Nettetal und rufen die Ratsmitglieder aller Fraktionen auf, dem Antrag zuzustimmen. Kommunen müssen alle erdenklichen Möglichkeiten ausschöpfen, das Erreichen des 1,5 Grad Ziels für Deutschland zu erreichen. Die Einführung einer Baumschutzsatzung wäre ein einfacher Beitrag und gleichzeitig ein deutliches Zeichen der Stadt, darzustellen, wie ernst es der Stadt mit dem Erreichen dieses Ziels ist.

Bäume speichern CO2. Eine normal gewachsene Buche, die ca. 23m hoch ist und einen
Durchmesser von ca. 30cm hat, bindet etwa eine Tonne CO2. Aufs Jahr gerechnet hat eine solche Buche durchschnittlich etwa 12,5 Kg CO2 gespeichert, wobei zu beachten ist, dass mit zunehmenden Alter vermehrt CO2 gebunden wird. Je gesünder und größer ein Baum ist, desto mehr CO2 setzt er um. Wird so ein Baum gefällt und als Brennholz verwendet, wird das gespeicherte CO2 wieder freigesetzt. Eine Ersatzpflanzung braucht Jahre oder oft Jahrzehnte, um die Werte eines Vorgängers zu erreichen. Wir sollten also gut überlegen, ob wir so einen Schatz einfach mit der Säge abtöten.

Der Waldbericht 2021 ist erschütternd und legt offen, dass unser Wald ist so krank ist wie nie. Bis vor wenigen Jahren konnte unsere grüne Lunge jährlich 62 Millionen Tonnen CO2 aus der Atmosphäre binden – und so fast 10% der deutschen Emissionen kompensieren. Der Wald ist Deutschlands Klimaschützer Nr. 1, sagte sogar Julia Klöckner vor einiger Zeit. Doch wir sind dabei, Deutschlands wichtigsten Klimaschützer zu verlieren. Neben der extremen Dürre und den Hitzewellen in den Jahren 2018, 2019, 2020 haben auch die starken Stürme der Jahre 2017 und 2018 und die massenhafte Vermehrung von Borkenkäfern zu Störungen und massiven Waldschäden geführt. Inzwischen sind 277.000 Hektar Wald zerstört. Eine Fläche, größer als das Saarland. Allein in Nordrhein-Westfalen fielen zwischen 2018 und 2020 mehr als 30 Millionen Kubikmeter Schadholz an. Nur noch einer von fünf Bäumen weist an seiner Krone keine erkennbaren Schäden auf – der schlechteste Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984. Und ein Ende der Krise ist nicht in Sicht: Extremwetter ist in der voranschreitenden Klimakatastrophe die neue Normalität. Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass gerade durch die Klimakrise und deren Folgen, die Fähigkeit des Waldes, Kohlenstoff zu speichern, abnimmt.

Auf der Weltklimakonferenz in Glasgow wurde gesagt, dass weltweit jede Minute eine
Waldfläche von 27 Fußballfeldern verloren geht. Jede Minute! Kein Baum ist mehr egal. Kein Baum, auch nicht - und vielleicht sogar erst recht nicht - die Bäume in den Städten und in den privaten Gärten. Denn die sind ja eigentlich noch recht leicht zu schützen, mit Wasser zu versorgen, zu hegen und zu pflegen. Es macht keinen Sinn und es ist völlig inkonsequent, dass die Stadt Nettetal einerseits städtische Bäume, was ja vernünftig ist, mit Wassersäcken aufwendig und teuer am Leben erhält andererseits aber tatenlos zuguckt, wie immer mehr gesunde Bäume aus den Gärten verschwinden, weil Gartenbesitzer den Ernst der Lage nicht verstehen wollen.

Welche Gegenargumente könnten Sie als Stadtrat haben, eine Baumschutzsatzung einzuführen? Vielleicht: die Durchsetzung einer Baumschutzsatzung kostet Geld und
Personal. Ja, das stimmt. Klimaschutz zum Nulltarif wird es aber nicht geben. Klimaschutz kostet, aber kein Klimaschutz kostet uns ALLES, ein Zögern beim Klimaschutz ist laut Experten ein finanzieller Alptraum. Mit jedem Jahr der Untätigkeit geht die Summe, die für das Einhalten des 1,5 Grad Ziels nötig wäre, momentan um mehrere Milliarden Dollar nach oben, das sagt der Scientific Bericht 2020. Und das sind nur die Kosten für die Verringerung der Emissionen. Nicht einberechnet sind Kosten, die durch Klimaschäden verursacht werden. Etwa durch Hurrikans, Überflutungen, Dürren oder Hitzewellen. Allein der Schaden der diesjährigen Flutkatastrophe bei uns liegt bei 29 Milliarden. Beim Baumschutz muss vergleichsweise noch relativ wenig Geld und Personal eingesetzt werden, denn es muss ja nichts neu erfunden werden, nichts neu investiert werden. Es muss ja lediglich etwas erhalten bleiben und geschützt werden.

Ein zweites Gegenargument: die Durchsetzung einer Baumschutzsatzung kommt einem Verbot gleich. Können wir es den Bürgern zumuten, dass man ihnen in ihre Gartengestaltung reinredet? Ja, eine Baumschutzsatzung würde das unnötige Fällen von unliebsamen Bäumen und damit auch die Entscheidung darüber einschränken. Aber warum wäre gerade das ein Problem? Wir haben jede Menge Einschränkungen, Gebote und Verbote. Wir brauchen in einer Gesellschaft Gebote und Verbote. Ohne Verbote oder Regeln stünden wir im Chaos. Wir haben zahlreiche Verbote wie z.B. das Rauchverbot für Kinder oder das Rauchverbot in öffentlichen Räumen. Es gibt Gebote in Verordnungen, z.B. in der Bauordnung, die genau vorschreiben, wie zu bauen ist. Die Dachform, sogar die Farbe der Dachziegel werden oft vorgeschrieben. Wir haben beim Bauen Dämmvorschriften, da sind z.B. Doppelglasfenster einzubauen oder genau vorgeschriebenes Dämmmaterial. Feuerschutztüren. Wir haben Abgaswerte einzuhalten. Wir haben einen Denkmalschutz. Alte Gebäude kann man nicht einfach abreißen, sie sind geschützt. Als die Ozonschicht in Gefahr war, sich aufzulösen, haben wir das FCKW verboten. Anfangs alles oft umstritten, oft als unmöglich beschrieben, heute völlig selbstverständlich.

Und nun soll der Schutz von wertvollen Bäumen, von Verbündeten, von Lebensrettern, von CO2 Speichern, von Sauerstofflieferanten, von Nahrungsspendern, von Schattenspendern, soll der Schutz von Lebensräumen für viele Arten, ein Problem sein?

Mit welchem Recht wird hier unsere persönliche und wirklich sehr eng gedachte Freiheit soviel höher bewertet, als z.B. die Freiheit unserer Kinder und Kindeskinder? Das Bundesverfassungsgericht hat doch in diesem Jahr ganz eindeutig festgestellt, dass die Politik und auch wir alle gehalten sind, die Freiheit unserer Kinder und Kindeskinder endlich ambitioniert zu schützen. Denn wenn wir nicht endlich alles tun, die Lebensgrundlagen der nachfolgenden Generation zu sichern, ist deren Recht auf Freiheit nur noch eine bloße Utopie. Der Zustand, dass Kinder unsäglich unter der Klimakrise leiden, ist doch auch schon längst erreicht. In Madagaskar zum Beispiel sind 1,3 Millionen Menschen, davon überwiegend Kinder, von der Hungersnot betroffen. Das sind 7mal mehr als noch vor einem Jahr. Der Grund ist der ausbleibende Regen. Und z.B. auch in der Region Kenia kommt es immer häufiger vor, dass es über Jahre nicht regnet. Normalerweise regnet es dort zwei mal im Jahr. Auch dies wird der Klimakatastrophe zugeschrieben. Die größte Ungerechtigkeit bei der Sache ist noch, dass weder die Kinder im globalen Süden, noch unsere Kinder und Kindeskinder dafür verantwortlich sind, dass sich das Klima so stark verändert. Die Verantwortung dafür, die haben wir zu tragen. Wir erwachsenen Menschen hier und heute. Sie und wir, aus dem globalen Norden. Und genau wir sind es, die es noch in der Hand haben, etwas zum Guten zu verändern.

Sie als Stadtrat können jetzt entscheiden, ob die Bäume unserer Stadt zu schützen sind
oder nicht. Sie haben die Option, entsprechende Weichen zu setzten. Wir haben nicht viel Zeit. Wir befinden uns aktuell auf einem 4 Grad Pfad. Wir brauchen schnelle Maßnahmen. Wie sollen wir denn je auf einen 1,5 Grad Pfad kommen, wenn selbst der einfache Schutz von den noch gesunden Bäumen in unseren Gärten schon ein Problem ist?

Die Politik kann nicht nur Ziele definieren, sondern sie muss auch die Instrumente schaffen, um die Ziele zu erreichen. Nur Mut, vergeuden wir diese Option nicht, packen wir es an!

Parents for Future - Kreis Viersen (25.11.2021)

 


Über unsere Unterstützung zur Einführung einer Baumschutzsatzung in Nettetal hat die Westdeutsche Zeitung am 27.11.2021 berichtet. Auch die Rheinische Post berichtet (26.11.2021).

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